Daredevil – What Is It, to Be a Hero?

Matthew Murdock alias Daredevil

Matthew Murdock alias Daredevil (© Netflix)

Was bedeutet es, ein Held zu sein? Antworten auf diese Frage geben zurzeit die vielen Comic-Verfilmungen des Superhelden-Topos. Dabei liefern sich die beiden Rechte-Inhaber DC Comics (u.a. Superman und Batman) und Marvel Studios (u.a. Captain America und Iron Man) einen regelrechten Wettbewerb um die Gunst des Kinopublikums. Anfang des Jahres lieferte Marvel respektive FOX mit Deadpool einen ironischen und recht unterhaltsamen Streifen ab, wohingegen das Aufeinandertreffen der beiden Granden des Superhelden-Genres in Batman v. Superman: Dawn of Justice aufgrund einiger inhaltlicher Schwächen leicht enttäuschte. Dieser Tage erschien der erste Trailer für Marvel‘s Doctor Strange mit Benedict Cumberbatch, demnächst kommt das langerwartete Captain America 3: Civil War in die Kinos sowie Anfang August der Hoffnungsträger von DC Comics Suicide Squad. Eine weitere Antwort im Rahmen des Marvel Cinematic Universe hat allerdings Netflix im Programm: Marvel’s Daredevil läuft dort bereits in der zweiten Season.

Der Plot von Marvel’s Daredevil ist schnell umrissen. Matthew Murdoch (Charlie Cox) verliert als Junge aufgrund eines tragischen Unfalls mit radioaktiven Chemikalien sein Augenlicht. Gleichzeitig werden dabei jedoch seine Sinne geschärft und er entwickelt nahezu übermenschliche Fähigkeiten und Kräfte. Als junger Anwalt verschreibt sich Matt Murdoch zusammen mit seinen Partnern Foggy Nelson (Elden Henson) und Karen Page (Deborah Ann Woll) dem Kampf gegen Unrecht und Kriminalität in New Yorks Stadtteil Hell‘s Kitchen – tagsüber mit den legalen Mitteln des Gesetzes, nachts als Daredevil (dt.: Teufelskerl) mit seinen außergewöhnlichen Sinnen.

Doch nicht die Story alleine machen Marvel’s Daredevil zu etwas Besonderem, es ist die Inszenierung, der es gelingt, eine düstere und doch humorige Neo-Noir-Atmosphäre zu schaffen. Sie setzt sich von der doch eher oberflächlich-glänzenden Welt anderer Produktionen ab und hebt den Stoff somit auf ein gleichsam erwachsenes Niveau. Verantwortlich dafür ist maßgeblich die tiefgehende Charakterentwicklung von Matt Murdoch, für die sich das Serienformat besser eignet als das des Kinofilms.

Es ist spannend zu verfolgen, wie der Hauptcharakter alle ihm zu Verfügung stehenden Mittel nutzt, um die Handlanger des Bösen (in Season 1: Wilson Fisk/Kingpin (großartig: Vincent D‘Onofrio); in Season 2: Frank Castle/The Punisher (Jon Bernthal)) zu bekämpfen. Dabei gerät er nicht nur in das Visier der zahlreichen Unterweltgrößen Manhattans, sondern bringt gleichzeitig auch seine New Yorker Mitbürger, für die er tagsüber vor Gericht streitet, gegen sich auf. Matt Murdoch dabei zu beobachten, wie er sich von einem seriösen Rechtsanwalt, der an das Gute und Gerechte glaubt, zu einem verbitterten, teilweise verzweifelnden Verbrechensbekämpfer mit Ecken und Kanten wandelt, ist großes Kino. Abzulesen lässt sich diese ambivalente Entwicklung allein schon an der Maske, die Daredevil bei seinen nächtlichen Streifzügen trägt: Bindet er sich zu Anfang noch ein einfaches schwarzes Tuch vor die Augen, so benutzt er gegen Ende von Season 2 schon die charakteristische und aus den Comics bekannte dunkelrote Maske mit den stilisierten Teufelshörnern.

Daredevil in Season 1 und Season 2

Die Evolution von Daredevil in Season 1 und Season 2 (© Netflix)

In vielen Szenen ist die innere Zerrissenheit des Helden regelrecht spürbar. Matt Murdoch muss sich im Laufe der Story nicht nur zwischen Gut und Böse, sondern auch zwischen der widersprüchlichen Persönlichkeit des Daredevil und der des seriösen Anwalts entscheiden. Es liegt auf der Hand, dass es irgendwann zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und seinen Mitstreitern in der Anwaltskanzlei kommt. Diese tiefe Ambivalenz des Charakters von Matt Murdoch/Daredevil, die auch schon im titelgebenden Namen anklingt, ist eine der Stützen des Spannungsbogens. Am Ende schreckt Daredevil nicht vor der Anwendung von Gewalt zurück, verzichtet jedoch, ähnlich wie DC Comics‘ Batman, auf tödliche Schusswaffen.

Hinzu kommt, dass die Motive aller Beteiligten, gerade auch die der Gegner von Daredevil, stets nachvollziehbar bleiben. Insbesondere die Intention des schillernden Immobilienmoguls Wilson Fisk ist von Beginn an verständlich und der Zuschauer ertappt sich des Öfteren bei dem Gedanken, wie er denn selbst in der gleichen Situation reagiert hätte. Eine wirklich beeindruckende Vorstellung liefert auch Jon Bernthal (bekannt als Shane aus „The Walking Dead“) als rachsüchtiger Frank Castle ab. Angetrieben von seiner eigenen tragischen Vergangenheit macht dieser unter dem Pseudonym The Punisher auf seine eigene, gewalttätige Art und Weise Jagd auf das Böse und überschreitet damit des Öfteren Grenzen – unweigerlich kommt es deshalb zur Konfrontation mit Daredevil. Der sich daraus ergebende Dialog über Schuld und Selbstjustiz zwischen den beiden Protagonisten gehört zu einem der dramaturgischen Höhepunkte der zweiten Staffel.

Die Figuren sind allesamt hervorragend besetzt und agieren in all ihren unterschiedlichen Storylines äußerst harmonisch miteinander. Einmal mehr zeigt sich hier also, dass sich eine gut durchdachte Charakterzeichnung, neben einem exzellenten und glaubwürdigen Cast, positiv auf die Qualität der Produktion auswirkt. Die vielschichtigen Erzählebenen werden durch spektakulär choreographierte, aber durchweg realistische Kampf-Szenen im Martial-Arts-Stil ergänzt, die dem Zuschauer schier den Atem verschlagen. Teilweise sind sie sogar als dynamische Plansequenz, also als ungeschnittene Einstellung, aufgenommen worden.

Was bedeutet es nun, ein Held zu sein? Marvel’s Daredevil gibt darauf eine eindeutige Antwort. Es ist das Scheitern an den eigenen Ansprüchen, der Konflikt mit sich selbst und die dunkle Seite des amerikanischen Traums, die Matt Murdoch/Daredevil zu einer besonderen, da widersprüchlichen Persönlichkeit innerhalb des Marvel Cinematic Universe machen. Trotz seiner inneren Zerrissenheit findet Matt Murdoch jedoch immer wieder die Kraft, als „Devil of Hell’s Kitchen“ den Kampf für Gerechtigkeit anzunehmen. Es ist also der allzu menschliche Kampf gegen seine innere Zerrissenheit, der Daredevil in letzter Konsequenz zum Helden werden lässt.

Spannend sind auch die Pläne, welche die Marvel Studios für die Zukunft haben. Marvel’s Daredevil wird zusammen mit der ebenfalls großartigen Schwester-Serie Marvel’s Jessica Jones und dem im Herbst startenden Marvel’s Luke Cage sowie einer weiteren Mini-Serie über Iron First in einer eigenen Crossover-Serie namens Marvel’s The Defenders zusammengeführt. Also, see you around, Red!

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