Nightcrawler – If It Bleads, It Leads.

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Der Begriff „Raubtierkapitalismus“ ist ein politisches Schlagwort, das eine vergleichsweise wenig regulierte Marktwirtschaft beschreibt, in der die maßgeblichen Akteure ohne Rücksicht auf Belange Anderer nach möglichst großem Gewinn streben. Deutlich wird dies etwa in den unverhältnismäßigen Millionengehältern einiger Konzernvorstände oder in der globalen Ausbreitung des Finanzsystems, dessen Profitmaximierung nicht einmal vor Spekulationen mit Nahrungsmitteln Halt macht. Im täglichen Leben des Normalbürgers jedoch spielen diese Auswüchse eine eher untergeordnete Rolle. Der vielschichtige US-amerikanische Thriller Nightcrawler aus dem Jahr 2014 zeigt aber, dass die mit einem entfesselten Kapitalismus verbundenen Mechanismen auch im Kleinen wirken. Warum man das Regiedebut des Drehbuchautors Dan Gilroy unbedingt gesehen haben sollte und was es über den Zustand unserer Gesellschaft erzählt, lest Ihr im folgenden Beitrag.

From Rags to Riches?

Der Kleinkriminelle Louis „Lou“ Bloom (Jake Gyllenhaal) verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Diebstahl von Kupferdrähten, Maschendrahtzäunen und anderem Schrott, den er an Rohstoffhändler und Baufirmen verkauft. Insgeheim fühlt sich Bloom zu Höherem berufen, blitzt bei potenziellen Arbeitgebern jedoch mehrfach ab, trotz (oder gerade weil?) auswendig gelernter Management-Floskeln. Dennoch gibt er nicht auf, er muss nur noch seine Berufung finden – irgendwann erhält auch er seine Gelegenheit. Lou glaubt an den American Dream.

Sein Schicksal ändert sich in dem Moment, als er Zeuge eines Autounfalls auf dem Highway wird. Er sieht, wie die verletzte Fahrerin aus dem brennenden Wrack geborgen wird, wie die Sanitäter um ihr Leben kämpfen. Er fühlt, dass es auf Sekunden ankommt. Außerdem bemerkt er zwei rasende Reporter, welche die Rettungsmaßnahmen mit einer Fernsehkamera filmen. Diese sog. Nightcrawler drehen Videos von Verkehrsunfällen und Gewalttaten, verkaufen diese meistbietend und versorgen sensationslüsterne Fernsehsender mit brandheißem Bildmaterial: „Morning News. When it bleads, it leads.“ Überzeugt von dieser Geschäftsidee tauscht Lou ein Fahrrad, die Beute seiner letzten Diebestour, gegen Videokamera und Polizeifunkscanner. Als Fahrer heuert er den naiven Rick (Riz Ahmed) an, der ihn fortan auf den nächtlichen Streifzügen durch die Straßen von Los Angeles begleitet.

Der Charakterierung des Lou Bloom

Nicht der Plot allein macht Nightcrawler zu einem sehenswerten Film. Jake Gyllenhaal beweist mit seiner Darstellung des amoralischen Lou Bloom, dass er aktuell einer der spannendsten Schauspieler Hollywoods ist. Gyllenhaal hat sich u.a. mit einer drastischen Abmagerungskur auf diese exzentrische Rolle vorbereitet. Sein Gesicht zeichnen eingefallene Wangen, er besitzt einen stechenden, in manchen Szenen fast schon irren Blick, seine Haare hat er streng zurückgegelt: heraus kommt eine der unsympathischsten, angsteinflößendsten Hauptfiguren der letzten Jahre.

Die Wirkung des Spiels von Gyllenhaal bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen purer Abscheu und Voyeurismus, er zieht den Zuschauer in seinen Bann und lässt ihn zum Komplizen werden. Denn Lou Bloom schreckt nicht davor zurück, Grenzen zu überschreiten und in Tatorte einzugreifen, die er eigentlich „nur“ filmen soll. Lou ist äußerst machthungrig, er träumt davon zu einem richtigen Nachrichtenredakteur aufzusteigen, „es zu schaffen“. Die Mittel sind ihm dabei gleichgültig. Zu keiner Zeit ist der wahre Charakter von Lou greifbar, er versteckt sich hinter einem fast schon raubtierhaften Wesen, immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer. Die Grenze zu psychopatischem Verhalten1)Für die Psychologen unter uns: Der Frage, ob Lou Bloom an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leidet, geht Matthew McKnight im verlinkten Video mit Hilfe der DSM-5-Klassifikation nach. verschwimmt, die Ähnlichkeit zu Travis Bickle aus Martin Scorceses „Taxi Driver“ oder Norman Bates aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ ist überdeutlich.

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Haben beide etwas Dämonisches: Lou Bloom und Norman Bates (Anthony Perkins).

Der Figur von Lou Bloom steht mit Nina Romina (Rene Russo) ein weibliches Pendant gegenüber. Nina ist eine alternde Redakteurin beim erfolglosen Nachrichtensender KWLA. Nachdem ihr Lou sein erstes Bildmaterial verkauft hat, ist sie von seiner negativen Ausstrahlung zunächst abgestoßen. Dennoch gibt sie Lou im Kampf um die Einschaltquote den entscheidenden Hinweis für gutes Videomaterial: “A screaming woman running down the street with her throat cut.” Denn auch Nina kämpft um das berufliche Überleben, ihre Reportagen laufen schlecht, die Konkurrenz im News-Business ist groß, die eigenen Quoten sinken. Sie erkennt Lous gutes Auge, vor allem aber seine Rücksichtslosigkeit und nimmt die schockierenden Videos von Lou bereitwillig an. In Folge wird sie mehrfach vom manipulativen Lou bedroht. Gegen Ende, als sich die redaktionsinternen Machtverhältnisse komplett gewandelt haben, wird Nina zum größten Bewunderer von Lous Arbeit.

Medien- UND Kapitalismuskritik

Auf den ersten Blick ist Nightcrawler eine zynische Medienkritik2)Wer als Abwechslung zur aktuell angesagten Medienkritik einen Film sehen möchte, der die Kontrollfunktion der Medien thematisiert, dem sei das mehrfach mit einem Oscar prämierte Drama „Spotlight“ von Tom McCarthy ans Herz gelegt.. In bester Film-Noir-Manier zeigt Dan Gilroy Zustände auf, die insbesondere in den USA längst existieren. Nachrichten verkommen dort durch tendenziöse Berichterstattung vor allem lokaler Medien zur Ware und bilden die Grundlage für die Angst der weißen Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg. In diese Ängste mischt sich ein diffuser Rassismus, etwa wenn Nina die Interessen ihrer Zuschauer erklärt: “What that means is a victim, or victims, preferably well off and white, injured at the hands of the poor or minority.“ Auch Nachrichtensendungen leiden unter Quotendruck, der dazu führt,  dass immer drastischeres Bildmaterial gezeigt wird. Dies ist nicht allein ein US-amerikanisches Phänomen, wie die schockierenden Aufnahmen des Amoklaufs am Münchner Olympia-Einkaufszentrum beweisen. Dan Gilroy zwingt den Zuschauer förmlich dazu, sich mit seinem eigenen Medienkonsum auseinanderzusetzen.

Doch Nightcrawler ist in seiner Neonoptik insbesondere auch eine substanzielle Kapitalismuskritik. Der Vorzeigeunternehmer Lou ist die Personifikation des Raubtierkapitalismus: er hat BWL-Online-Kurse absolviert, einschlägige Ratgeberliteratur konsultiert und verliert sich in einer Coaching- und Managementsprache, die fast schon selbst zur Persiflage taugt. Eines der Highlights des Films ist der Elevator-Pitch, den Lou im Vorstellungsgespräch mit seinem Fahrer Rick führt. Insbesondere Rick steht dabei für die vielen verzweifelten jungen Menschen, die alles dafür tun, um einen Job zu bekommen. Rick wird von Lou sogar als unbezahlter Praktikant eingestellt – natürlich mit der Aussicht auf einen schlecht bezahlten Teilzeitvertrag.

Trotz offensichtlicher menschlicher Makel ist Lou dennoch kein ultimativ böser Charakter. Er hat lediglich die Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage internalisiert und weiß mit ihnen umzugehen, sie für sich zu nutzen. Er tut alles, auch wenn es moralisch fragwürdig ist, um sich seinen American Dream, den Traum vom sozialen Aufstieg, zu erfüllen. Dieser Unternehmergeist bildet zwar eigentlich die gestalterische Triebfeder kapitalistischen Denkens. Hier breitet er sich jedoch skrupellos in Bereiche aus, die ethische Grenzen überschreiten. Selbst private Beziehungen werden einer eiskalten Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Die bitterböse Quintessenz: der ausgebeutete Underdog Lou wandelt sich selbst zum entmenschten Raubtierkapitalisten. Dan Gilroy lässt sich mit Nightcrawler somit nicht auf eine simple Kapitalismuskritik im Sinne eines populistischen Eliten-Bashing ein. Stattdessen schärft er unser Bewusstsein dafür, dass wir alle täglich mit diesen marktradikalen Mechanismen konfrontiert sind.

Referenzen   [ + ]

1. Für die Psychologen unter uns: Der Frage, ob Lou Bloom an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leidet, geht Matthew McKnight im verlinkten Video mit Hilfe der DSM-5-Klassifikation nach.
2. Wer als Abwechslung zur aktuell angesagten Medienkritik einen Film sehen möchte, der die Kontrollfunktion der Medien thematisiert, dem sei das mehrfach mit einem Oscar prämierte Drama „Spotlight“ von Tom McCarthy ans Herz gelegt.

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